Yoga ist Dehnung ist Schmerz?

21. Oktober 2013

“Au, das tut weh!”, sagen manchmal Menschen, wenn sie eine Dehnungsübung machen. Die Dehnungsempfindung selbst ist keine Schmerzempfindung, sie kann sich jedoch ab einer gewissen Intensität zu einer solchen entwickeln. Ich empfehle Yoga-Praktizierenden, ihre Aufmerksamkeit sehr fein zu stellen und genau hinzuspüren. Man kann sich das Spektrum der Dehnungsempfindung als eine Skala von 1-10 vorstellen. Wenn 1 die erste, wahrnehmbare Empfindung ist, wie fühlt sie sich an? Sie ist wahrscheinlich subtil und sehr weit von einer Schmerzempfindung entfernt. Dann kann man langsam die Dehnung zu einer mittleren Intensität hin – also 5 auf der gedachten Skala – steigern. Wie fühlt sie sich hier an? Und wie ist die Empfindung, wenn wir auf 9 gehen, dieser intensiven Empfindung, die knapp vor der Schmerzgrenze liegt? Im Allgemeinen empfehle ich, nicht über die mittlere Intensität (5) hinauszugehen beim Üben. Menschen, die Dehnung mit Schmerz gleichsetzen, haben wahrscheinlich gleich bei 10 begonnen und können lernen, in subtileren Bereichen zu arbeiten. Für therapeutische Zwecke ist die mittlere Intensität allerdings nicht immer die Beste: Da kann es in Einzelfällen (bei Blockaden) sinnvoller sein, im Nullbereich zu arbeiten, also an der Grenze vor der Wahrnehmung einer Dehnung. Wenn eine Blockade stark ist, ist es unter Umständen zielführender, nur mental, also mit Vorstellungen zu arbeiten, und nicht mit Körperempfindungen! Ich empfehle grundsätzlich nicht, Blockaden aufzulösen, indem man in den Schmerzbereich (also auf 10) geht. Dies ist – wenn überhaupt – nur in sehr seltenen Ausnahmefällen und unter Anleitung eines versierten Lehrers sinnvoll.

Isabella Welsch